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Shirin Hornecker: Ein Stück vom Puzzle

Shirin Hornecker nennt sich Goodgame Coach, weil Mentalbetreuer in unseren Breiten seltsam konnotiert ist. Ein Gespräch über Grenzverletzungen und die Chancen, sein Potential auszuschöpfen.

Panorama - November 2020 von Klaus Nadizar
Shirin Hornecker: Ein Stück vom Puzzle

Simply Golf: Warum scheut man sich in unseren Breiten so offensichtlich vor dem Thema Mentaltraining oder Mentalbetreuung?
Shirin Hornecker: Da gibt es vermutlich einige Gründe. Einerseits ist der Begriff schwammig, und andererseits ist es mit vielen Ausbildungen nicht weit her, die kannst du übers Wochenende machen. Weil Mentalbetreuer kein geschützter Beruf ist, kann man das auch gleich ausüben. Und natürlich fragt man sich, ob man will, dass jemand in deiner Psyche rumwirbelt. Und ob das, was dann rauskommt, auch das ist, was du wolltest.  Wenn ich dagegen an der Technik arbeite, kann ich jederzeit wieder zurück zum alten Schwung.

Aber man muss ja nicht gleich alle Kindheitstraumata aufarbeiten?
Wenn es sein muss, schon. Da gibt es vermutlich öfter etwas zu finden, als man glaubt. Zum Beispiel die Grenzverletzung zwischen Eltern und Kind. Da leiden Kinder und Jugendliche sehr darunter, wenn sie zum Objekt ihrer Leistungen gemacht werden. Eltern involvieren sich da so sehr, dass man das Gefühl bekommt, sie würden selbst spielen. Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert.

Inwiefern?
Zu meiner Zeit war es nicht üblich, dass die Eltern mit auf die Runde gingen, wenn wir Meisterschaften gespielt haben. Heute werden Kinder durch den Leistungsdruck früher zu Erwachsenen gemacht, auf der anderen Seite werden sie aber weit über das normale Maß hinaus verhätschelt. Und, was besonders schlimm ist, was aber nie jemand zugeben wird: Ein besserer Score oder eine bessere Note bedeutet mehr Zuneigung von den Eltern. Das geht oft so weit, dass es zu einer Verschmelzung der Grenzen kommt und die Eltern bei guten Runden davon reden, „dass wir eine 69 gespielt haben“. Ist es aber eine schlechte Runde, hat er oder sie gespielt. Und irgendwann wird es für das Kind schwierig, weil es nicht mehr weiß, was es selbst will.

Der Leistungsdruck ist aber nicht auf den Sport beschränkt.
Keinesfalls. Die Ängste der Eltern werden auf die Kinder übertragen: Wenn mein Spross nicht in der Krabbelstube Chinesisch und Englisch spricht, wird er später in der Wirtschaft keinen Erfolg haben. Oder im Golf: Wenn er oder sie mit 12 Jahren nicht Handicap X hat, verliert er/sie den Anschluss.   

Demnach macht es Sinn, schon früh mit dem Mentaltraining zu beginnen, um solche Situationen zu verhindern.  
Auf jeden Fall. Wobei: Es geht dabei -darum, den Kindern eine Technik in dem Bereich mitzugeben, mit der sie ihre Performance optimieren können. So etwas wie einen mentalen Airbag, den ich für schwierige Situationen dabeihabe.  

Wenn man in die USA schaut, scheint dort dieser Part im Spitzensport bestens etabliert, während man das Gefühl hat, dass es in unseren Breiten noch immer den Touch der Klapsmühle hat. Stimmt diese Wahrnehmung?
Ich habe selbst vor 20 Jahren in den USA College-Golf gespielt und das war kein Thema, sondern Teil der Betreuung. So wie der Technik- und der Fitness-Coach. Und natürlich ist es clever, damit früh zu beginnen und nicht erst, wenn du in ein tiefes Loch fällst. Daher macht es auch so viel Spaß mit Kids und Jugendlichen zu arbeiten und ihnen zu helfen. 

Braucht jeder Mentaltraining?
Es ist ein Teil eines großen Puzzles. Gerade bei Jugendlichen oder jungen Golfern, die vom Amateur- ins Profilager wechseln wollen, ist es hilfreich, dieses Teil dabeizuhaben. Stell dir einfach ein Auto vor, das du aufmotzt. Du holst dir durch gute Technik und tolle Trackmandaten jede Menge PS, bringst diese aber nicht auf die Straße. Der Trackman attestiert dir Tourreife, aber der Score sagt was anderes. Mentales Training hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit Performance. Bei uns glaubt jeder, man hat eine Schraube locker, wenn man das macht. 

Da passt die Aussage von Dominic Thiem gut, der in einem Interview gesagt hat: Er braucht keinen Mentaltrainer. 
Vielleicht hat er ja genug Klarheit und Stärke von seinem Elternhaus mitbekommen, aber vermutlich hat es mehr mit dem Wort Mentaltrainer zu tun als mit dem eigentlichen Sinn. Aber was ist das für eine Botschaft? Er signalisiert damit, wer das macht, ist ein Schwächling. Ich sehe das anders, weil meine Betreuung in zwei Bereiche greift. Da ist einerseits der Bereich, wo es um Lebensthemen geht, ob es einem grundsätzlich nicht gut geht. Und die andere Seite ist dann die Performance am Golfplatz und die Frage: Wie kann ich besser werden?

Und wie?
Indem man sich vor Augen führt, welche Muster ablaufen, wenn man gut spielt und welche, wenn man weniger gut spielt. Und das seltsame ist: Wenn ein Golfer vom 18. Grün runter geht und spürt, dass er nur 40 Prozent seines Potenzials ausgeschöpft wird er folgendes machen: Er geht auf die Range und arbeitet an seiner Technik. An den vorher erwähnten PS. Dabei wird Golf gar nicht auf der Range gespielt, sondern am Platz draußen. 

Vermutlich soll es der Pro richten?
Ja, aber die sind in vielen Fällen zu technikfixiert. Ich will nicht pauschal den Pros ihre Fähigkeiten absprechen. Aber in vielen Fällen erhält der Spieler das Feedback von außen. Es wird ihm gesagt, der soll die Hüfte drehen, oder, dass er zu sehr von außen kommt. Aber es geht auch darum, die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren, die Instinkte, die Kreativität. Es geht darum, das Gehirn ganzheitlich zu nutzen. Schließlich sollen wir auf dem Platz performen und Golfspielen, anstatt über Schwung-ebenen nachzudenken. Ich glaube auch, dass viele Anfänger wieder aufhören, weil sie auf dem Platz verloren sind. Man lehrt sich die richtige Technik, aber zu scrambeln, kreativ zu sein, das wird nicht unterrichtet. Dabei brauche ich am Platz keine Technikgedanken, ich muss nur den Ball von A nach B transportieren.

Kann der durchschnittliche Golfer sein Potenzial in der Form überhaupt ausschöpfen?
Warum nicht? Jeder kennt das Gefühl, wenn er zu einem Putt geht und spürt, dass er diesen Ball lochen wird. Darauf läuft es hinaus. Und diesen Zustand kann man sich erarbeiten. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen, das muss man sich Schritt für Schritt erarbeiten. Keine Frage: Es wird nicht zu 100 Prozent gelingen, schließlich sind wir immer noch Menschen, aber die Chancen werden deutlich besser.

Was sind die wichtigen Punkte, um besser zu performen?
Auch da komme ich wieder auf den Pro zu sprechen. Wir lernen als Anfänger Griff, Stand, Schwung. Alles wichtig, natürlich. Aber um am Platz eine möglichst konstante Leistung abrufen zu können, braucht es eine Pre-Shot-Routine. Auch das kann man schon auf der Range lernen. Auf der Runde selbst sollte man ein gutes Feedback-System für sich erarbeiten. Das heißt, dass ein schlechter Schlag nicht zwangsläufig mit der Technik zu tun hat. Da gilt es zu hinterfragen, ob man fokussiert war auf das Ziel, oder ob man sich doch vom Wasser oder einem Bunker hat ablenken lassen. Diese -Sachen trainiere ich schon mit den Acht- bis Zehnjährigen.

Wie kann man das lernen?
Ich gebe den Golfern neben der normalen auch eine mentale Scorekarte mit. Da muss man Aufgaben notieren, die man selbst in der Hand hat. 

Ein Beispiel bitte?
Man nimmt sich vor, eine Runde lang besonders auf die Körperhaltung zu achten. Oder auf die Pre-Shot-Routine. 

Der Klassiker bei uns Amateuren: Man möchte unbedingt den Puffer retten, eine gute Runde ins Ziel bringen und schafft es nicht. Woran liegt das?
Das Ergebnis ist immer ein Teufel. Daher: Löst euch vom Ergebnis. Wenn wir uns auf Dinge konzentrieren, die wir nicht zu 100 Prozent beeinflussen können, bauen wir unbewusst eine Art von Druck auf. Der 2-Meter-Putt zum Par, zum Beispiel. Das führt in der Folge zu einer Muskelverspannung, die Grundlage für jede schlechte Bewegung. Ein anderes Beispiel: Ein Longhitter nimmt sich vor, auf dem kurzen Par 5 ein Birdie zu spielen. Der Druck ist schon am Tee da, das Birdie wird dann sehr wahrscheinlich nicht gelingen. Wie heißt es so schön: Im Hier und Jetzt bleiben.


simply good 2 know: Shirin Hornecker

Die im Jänner 1974 geborene Kitzbühelerin spielte selbst auf Top-Niveau, war Mitglied im deutschen Damen-Nationalteam und studierte in den USA, wo sie ein Golfstipendium erhielt. Hornecker hat umfangreiche Ausbildungen und Referenzen. Neben dem M.A. ist sie die erste Nicht-Skandinavierin, die eine Zertifizierung als Communicologist erlangte (2017). Von 2006-2018 war sie Captain und Team-Mentalcoach des österreichischen Golf Nationalteams. Aktuell betreut Hornecker das Deutsche Damen Elite Golf Team (Pros & Amateure). Sie betreibt eine Praxis in Kitzbühel direkt am Schwarzsee und in München in der Firma FITFIRM, die seit über 10 Jahren im Bereich der Stressprävention erfolgreich etabliert ist. 

www.goodgamecoach.at | shirin@goodgamecoach.at

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